Kopfmenue

Neue Heimat am See

Wie wir Stegbesitzer wurden
 
Als wir 1972 in Lichtenrade auf dem Gelände einer früheren Gärtnerei ein Reihenhaus kauften, hatten wir nicht bedacht, dass mehrere unserer neuen Nachbarn vor der Wahl gestanden hatten: „Kind oder Haus?“. Wenn diese nun am Wochenende von ihren erhöhten Gartenterrassen über die winzigen, hausbreiten Rasenstücke blickten, waren ihnen alle Kinder, die auf Kettcars zwischen den Häusern kutschierten, ein Graus. Und selbst die dezenteren Spielgeräusche, die von den privaten Buddelkästen an ihr Ohr drangen, störten sie.
Ruth versuchte den missbilligenden Blicken und dem Gerede zu entgehen, indem sie mit unseren drei Söhnen am Wochenende kleine Ausflüge unternahm. Dann machte sie eine Erbschaft, und wir dachten an eine Alternative zur sozialen Kontrolle durch kinderfeindliche Nachbarn.
„Sucht Euch für das Wochenende ein Wassergrundstück!“
Die uns solches riet, sprach aus der Erfahrung einer Familie, die seit Generationen am Groß Glienicker See in Kladow über solch ein kleines Grundstück mit einem Badesteg und einem Holzhaus zum Übernachten verfügte.
Das gefiel Ruth und mir und wir befragten Makler, mussten aber erfahren, dass unser Wunschtraum identisch sei mit dem vieler Berliner. Doch ich stieß auf das Inserat eines Einfamilienhauses, das im Jahre 1936 in der Uferpromenade oberhalb des Groß Glienicker Sees gebaut worden war. Eigentlich kein Wassergrundstück, aber doch unterhalb der Uferpromenade ergänzt um einen Streifen Gartenland, das in einem Badesteg endete.
Von einem Steg zum Angeln hatte ich geträumt, seit ich mit 14 Jahren zum ersten Mal in einem Ferienlager am Bodensee zwischen dem Schilf auf einem solchen Steg gesessen und die gestreiften Barsche und die flinken Rotfedern beobachtet hatte.
Ruth war skeptisch. Der Preis lag unter dem ortsüblichen und die Maklerin erklärte: Sie gehe davon aus, dass das alte Haus abgerissen und unter den hohen Kiefern, Birken und Douglasien ein neues Haus gebaut würde. Neu zu bauen, hatten wir jedoch nicht im Sinn. Dennoch verabredete ich eine Besichtigung und machte mich – allein – auf den Weg von Lichtenrade nach Kladow, 45 Kilometer quer durch Berlin.
Zum ersten Mal erblickte ich den Groß Glienicker See an dessen oberem Ende, an der Badestelle Pferdekoppel. Zu diesem Namen war der frei zugängliche und bei den Spandauern beliebte Badestrand gelangt, weil hier früher die Pferde des Gutshofes geweidet hatten und getränkt worden waren.
Jetzt im März waren die Erlen, die einen 30 Meter langen Sandstrand frei ließen, noch kahl. An diese Badewiese schlossen sich die privaten Ufergrundstücke an.
Ich fuhr die Uferpromenade fast zwei Kilometer im gebotenen Schritttempo entlang. Das zum Verkauf stehende Haus blickte mit dem Giebel zum See, und die Nachmittagssonne schien in die breite Fensterfront. Vom Balkon aus, musste man zumindest im Winter, wenn die Erlen und Eichen kahl waren, den See erkennen können.
Die Maklerin zeigte mir das Haus, das zwar kein Schmuckstück, aber solide gebaut war. Es gab nur eine Behelfsküche und die sanitären Anlagen waren marode. Kein Wunder, dass dieses Haus am Wasser niemand als Wohnstätte kaufen und renovieren wollte.
Wäre ich vernünftig gewesen, hätte ich die Besichtigung jetzt beendet. Doch ich wollte noch den langen, schmalen Uferstreifen mit dem Badesteg sehen, im Grundbuch als separate Parzelle ausgewiesen.
Zwischen zwei größere Grundstücke geklemmt, zogen sich drei 2,5 Meter breite Streifen von der Uferpromenade zum See hinunter.
Zu dem fraglichen Haus gehörte der mittlere. Was im Grundbuch als Gartenland stand, war eine Wildnis aus Brennnesseln, Giersch und Fliedergebüsch – im Sommer dann verschattet von Erlen und Robinien und im Uferbereich von einer gewaltigen Weide.
Also ein Paradies nur für Weinbergschnecken, Kröten und Ringelnattern.
Über einen zehn Meter langen Bohlenweg erreichte ich eine Bretterkonstruktion, die alle drei Zugänge zu einer Plattform vereinigte. Sie würde schon um die Mittagszeit in der Sonne liegen, und man würde hier den Sonnenuntergang abwarten können.
Ich atmete durch und blickte über das blinkende Wasser hinüber zu zwei kleinen, mit Erlen bestandenen Inseln. Als Spandauerin war die Maklerin gut informiert. „Diese Inseln gehören zur DDR. Der See ist in der Mitte längs geteilt. Die Bojen markieren die Grenze.“ Nun sah ich auf der anderen Seeseite auch die Mauer und die Wachtürme. Bei Nacht würde alles – mitsamt den Stacheldrahtrollen - beleuchtet sein. Nicht sehr romantisch, aber aus der Sicht des Anglers hatte diese Grenzziehung immerhin den Vorteil, dass die Hälfte des Sees unter totalem Naturschutz stand. Dies würde Haubentauchern und den Fledermäusen, den Reptilien und Fischen zugute kommen.
Ich spürte: Das ist – unter West-Berliner Umständen - meine Alternative zum scheelen Blick von der Reihenhauskaffeeterrasse über den eigenen kurz geschorenen Rasenfleck auf den Plattenweg zwischen den Hauszeilen. Sei’s drum! Hier lasst uns Hütten bauen! Ja, ich werde den Steg – eben mitsamt dem ollen Haus - kaufen. Ruth zu überreden, wird nicht leicht sein. Vielleicht hilft Mehrheitsbildung. Unsere drei Söhne werden mit mir auf dem Steg stehen und sich wünschen, über diesen See zu rudern. Und auch Ruth wird es locken, bis zu den Bojen weit in den See hinaus zu schwimmen.
 
Aktueller Nachtrag:
Das war 1976. Vier Jahre danach haben wir das Reihenhaus in Lichtenrade verkauft und an das alte Eckhaus Uferpromenade/Im Dohl angebaut. Unsere drei Söhne sind am Groß Glienicker See naturverbunden aufgewachsen. Sie haben es gelernt, mit der Fliege und mit aus Federn gebauten Streamern auf Fried- und Raubfische zu angeln. Da sie Widerhaken abknipsen, können sie untermaßige Fische schonend zurücksetzen.
Der Wasserspiegel des Sees ist in den letzten 30 Jahren etwa einen Meter gefallen. Ein breiter, dichter Gürtel von Röhricht hat den See umfasst. In der Verlandungszone sprießen Weiden und Erlen, was die Verlandung – in gefährlicher Weise – weiter beschleunigen wird.
Man kann einen Großteil der Stege jetzt vom Wasser aus nicht mehr sehen. Vor unserem Steg besteht – infolge Erlen- und Weidenbeschattung - noch eine natürliche Lücke im Röhricht, so dass wir den See mit dem Angelkahn noch erreichen können. Mit meinem Nachbarn habe ich mich auf einen gemeinsamen Zugang zur Angel- und Badeplattform geeinigt. Eine der beiden Leitern zum Wasser haben wir demontiert. Wir haben unsere Nachbarn gebeten, Palisaden zu beseitigen, weil Kröten und Ringelnattern (siehe Bild 2 und Bild 3)nun mal nicht klettern können.
Vom Steg aus lässt sich die Uferregion und das Flachwasser gut beobachten. Die Gewässerverbesserung hatte zur Folge, dass Krebse (siehe Bild 1) und Muscheln sich wieder zeigen. Doch die Verlandungszone ist ein empfindliches Biotop. Insbesondere die Ringelnattern nutzen die schmalen Zugänge zum Ufer, welche für die Besitzer nur den Sinn haben, den Steg und den Einstieg zum Schwimmen zu erreichen. Das geschieht fast nur an sonnigen Badetagen, also im Blick auf das Kalenderjahr ziemlich selten. Wollte man hier einen neuen Wanderweg, der auch mit Hunden begangen würde, anlegen, würde dies wahrscheinlich die unter strengem Naturschutz stehenden Ringelnattern vertreiben.
Unser Anliegen ist es, die Nachbarn und auch die Badegäste für die Naturschutzbelange zu sensibilisieren. Wir hoffen, dass die Bezirksverordnetenversammlung künftig keine Eingriffe in die Natur und das Leben von Familien am See beschließt, ohne die Verhältnisse vor Ort in eigener Person zu betrachten. Es gibt Beschlussvorlagen, die auf den ersten Blick dem Gemeinwohl dienen, aber einer Überprüfung vor Ort nicht standhalten.
 
Theodor Ebert
 

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